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Die 7. Klasse liebt Balladen


W
enn in der 7. Klasse Balladen auf dem Lehrplan des Faches Deutsch stehen, passiert etwas Faszinierendes. Lehrer oder Lehrerin gehen ab, die Schüler treten auf. Der Klassenraum wird zur Schaubühne. Die Schüler rezitieren Balladen. Ein prägendes Erlebnis. Viele von ihnen werden die auswendig gelernte Ballade ihr ganzes Leben nicht vergessen.

Es ist schön, im Mittelpunkt zu stehen und von der ganzen Klasse Applaus zu bekommen – und wenn es ein besonders gelungener Vortrag war, ein bisschen gefeiert zu werden. Die Vortragenden merken aber auch, dass der Applaus dem Dichter oder der Dichterin gilt, die eine schöne, weil geheimnisvolle, märchenhafte oder abenteuerliche Ballade geschrieben haben. Wer Gedichte rezitiert, merkt am eigenen Leib, was Literatur bedeutet, was Sprache ausdrücken kann.

Die Ballade vom Zauberlehrling ist die Geschichte eines jungen Mannes, der so gut zaubern möchte wie sein Lehrmeister. Ein verzauberter Besen setzt das Haus unter Wasser. Der Meister kommt und bereitet dem Spuk ein Ende. Im Gegensatz zum Zauberlehrling hat er den richtigen Zauberspruch parat.  

Die Ballade Der Handschuh von Schiller schildert ausgiebig das Verhalten von Raubtieren, die zum Amüsement einer Hofgesellschaft aufeinander losgelassen werden sollen. Doch die Geschichte erhält eine überraschende Wendung. Fräulein Kunigunde lässt einen Handschuh in den Zwinger fallen; Ritter Delorges wird beauftragt, ihn zu bergen. Ohne Furcht und Tadel begibt sich der Ritter für die hohe Dame in Gefahr und kann den Handschuh mit keckem Finger an sich ziehen. Doch statt ihr den Handschuh wie ein Kavalier zu übergeben, schlägt er ihr den Handschuh ins Gesicht.

1886 veröffentlicht Theodor Fontane die Ballade John Maynard. Maynard ist Steuermann eines Passagierschiffs auf dem Eriesee. Gegen Ende einer Fahrt von Detroit nach Buffallo bricht Feuer aus. John Maynard bleibt in Qualm und Brand auf seinem Posten, hält auf das rettende Ufer zu und bezahlt seine Heldentat mit dem Leben.

Unter der ersten Schicht leichter Zugänglichkeit, verbirgt sich in guten Balladen eine zweite Schicht von hohem ästhetischem Reiz: kulturelle Anspielungen, Zitaten und Wortspiele (… die Geister, die ich rief …), die uns entzücken. Eine dritte Schicht schließlich, tief auf dem Grund der Ballade, funktioniert wie ein Kristallspiegel. Wir sollen uns selbst erkennen.

So ist auch die Auswahl einer Ballade durch die rezitierenden Schüler zu verstehen. In der ausgesuchten Ballade sind Teile der heranwachsenden Persönlichkeit verborgen. Die Schüler bewundern den rebellischen Zauberlehrling. Oder sie erkennen ein Thema, das sie bewegt. Sollte man sich wie John Maynard für andere Menschen opfern? Der Handschuh ist ein kleines Sozialdrama und spricht Mädchen wie Jungen gleichermaßen an. Schillers Ballade wirft die Frage nach dem angemessenen sozialen Verhalten auf.

Die Schule als gesellschaftliche Institution hat einen Bildungsauftrag und viele Bildungsziele. Sie will den Schülerinnen und Schüler Wissen vermitteln und sie dabei zu mündigen Persönlichkeiten heranbilden. Das „funktioniert“ mit Balladen ausgezeichnet.

Schüler brauchen keinen theorethischen Überbau: Sie erkennen, dass Balladen ihrer Tradition entsprechend, nicht still gelesen, sondern im geselligen Kreis vorgetragen werden wollen, und dass es dieser Tradition entspricht, wenn der Vortrag etwas ironisch, die reißerische Art der Bänkelsänger imitiert.

Was für ein Spaß!


7. Klasse: Begegnung mit der Ballade

Ballade – ein seltsames Wort, aber auch so vertraut. Ballade kommt aus dem Okzitanischen. Aus Okzitanisch balar („tanzen, einen Reigen tanzen“, von lat. ballare „tanzen“) wurde balada. Balada meint ein besonderes Tanzlied der südfranzösischen Trobadore, den Vorläufern mittelalterlicher Minnesänger.

Wir haben heute mit dem Mittelalter nicht viel am Hut – außer wir besuchen am Sonntag vielleicht mal eine alte Burg. Aber in der 7. Klasse wird jeder von uns selbst zum Trobador oder zur Trobadorin. Mit stiller Freude und beachtlichem Eifer lernen wir auf Wunsch der Lehrer Balladen von Goethe, Schiller oder Fontane auswendig und präsentieren sie mit Stolz und bis dahin verborgenen darstellerischem Talent vor der Klasse.

Das Spektrum der Balladen, die in der 7. Klasse im Deutsch-Unterricht vorgetragen werden, ist breit. Die Favoriten der Schülerinnen und Schüler sind Theodor Fontane, Detlev von Lilienkron, Adalbert von Chamisso, Clemens Brentano, Gottfried August Bürger, Ludwig Uhland, Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoff. Ganz weit vorne: Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. (Liste deutscher Balladen)

Warum eigentlich immer die Balladen von Goethe und Schiller? Nun, weil die beiden so viele gute Balladen gedichtet haben, besonders im berühmten Balladenjahr 1797. Aber gehen wir zunächst noch einige Jahre weiter zurück. Die Begeisterung für Balladen wurde bei Goethe von Johann Gottfried Herder, einem der einflussreichsten Schriftsteller und Denker deutscher Sprache im Zeitalter der Aufklärung, in Straßburg geweckt.


Unsere Balladen haben zwei Wurzeln

Goethe streifte im Sommer 1771 durchs Elsaß, um im Auftrag seines Freundes Herder ursprüngliche Volkslieder zu sammeln. Und er fand beim „Zuhören der ältesten Müttergens“ schaurig-schöne Lieder, deren mündliche Tradition bis ins Mittelalter reichte. Diese derben, oft grobschlächtigen Erzählgedichte sind eine der beiden Wurzeln der modernen deutschen Ballade. Die zweite Wurzel der Ballade hat auch mit dem Volk zu tun: Es ist der Bänkelsang der Jahrmärkte, der Altüberliefertes weiterspinnt, aber auch neueste Mordtaten, Familientragödien und Naturkatastrophen berichtet und sie meist mit einer moralischen Nutzanwendung versieht. 

Goethe ist wie verzaubert. Er liefert Herder sorgfältig transkribiertes Material, jubelt ihm aber auch das von ihm verfasste „Heidenröslein“ als Volkslied unter – und leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Kultur der Ballade in deutscher Sprache. Goethe ist beileibe nicht der erste.

Schon der wackere Johann Wilhelm Ludwig Gleim hatte 1756 mit „Marianne“ ein Gedicht geschrieben, das dem Wunsch des Publikums entsprach, spannende und reißerische Geschichten zu hören, die parodistisch scherzhaft aufbereitet waren. Gottfried August Bürgers Ballade „Lenore“, die als erste deutsche Kunstballade gehandelt wird, ist ernsthafter angelegt, weist aber auch so manchen komischen Zug auf.

Es ist anzunehmen, dass Goethe Bürgers „Lenore“ kannte, als er 1782 seine Ballade Der Erlkönig schrieb. Die Inszenierung eine wilden Ritts durch eine unheimliche, mondbeschienene Landschaft ist Garant für sofortige Aufmerksamkeit der Zuhörer. Während Lenore mit dem gespenstischem Bräutigam Wilhelm ihrem Tod entgegenreitet, ist es in Goethes Ballade der Vater, der seinen fiebergeschüttelten Sohn über Stock und Stein galoppierend in Sicherheit bringen will.

Wir fordern vom Dichter, dass er uns mit seiner Ballade emotional packe, mitreisse, in eine andere Welt entführe. Während in früheren Zeiten das Holz im Ofen prasselte und heute die Zentralheizung ihren Dienst tut, sitzen wir zuhause behaglich und sicher auf dem Sofa und folgen mit Vergnügen der schaurig-schönen Erzählung. Oder wir befinden uns im sicheren Klassenzimmer. Dort ist es im Herbst auch sehr gemütlich, wenn der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt.


Balladenjahr 1997

Dass heute im Deutsch-Unterricht der 7. Klasse so munter Balladen rezitiert werden, nährt die Vorstellung, Goethe und Schiller hätten deshalb so Balladen geschrieben, damit Schüler- auf Schülergeneration genügend Material zum Auswendiglernen und einen freudigen Vortrag habe. Die Wahrheit ist: Schiller brauchte Verse, die er in seinem Musen-Almanach auf das Jahr 1798 abdrucken und einer ungeduldig wartenden Leserschaft anbieten könnte. Er fragte Goethe, ob er nicht was Passendes in der Schublade hätte. Der verneinte.

Um die leeren Seiten zu füllen, kamen Schiller und Goethe in einem intensiven Briefwechsel überein, Balladen zu schreiben, wie sie die Welt noch nicht gelesen hatte. Im Unterschied zur Volksballade sollte die Ballade aus Dichterhand, die Kunstballade, sittliche Lehren vermitteln; das Gute im Menschen fördern, schreibt Schiller; Spannung und Unterhaltung aber nicht vernachlässigen, antwortet ihm Goethe.

Schiller und Goethe wiesen der Ballade die Aufgabe zu, die Leser oder Zuhörer zu Anteilnahme und Wertung aufzufordern, eine Meinung zu haben. Die Gestaltung der Ballade ziele mit straffer Handlungsführung und sprachlichem Schwung auf unmittelbare Wirkung. Außerdem müsste es doch möglich sein, in den Balladen die Vielfalt und die Schönheit der deutschen Sprache zu demonstrieren.

Selten war eine literarische Freunschaft so produktiv und selten wurde ein literarisches Programm so gekonnt wie im Balladenjahr 1797 umgesetzt. Goethe dichtete in Weimar, Schiller in Jena. Folgende Balladen entstanden:

Goethes Balladen
- Der neue Pausias und sein Blumenmädchen
- Der Zauberlehrling
- Der Schatzgräber
- Die Braut von Korinth
- Der Gott und die Bajadere
- Legende

Schillers Balladen
- Der Taucher
- Der Handschuh
- Der Gang nach dem Eisenhammer
- Der Ring des Polykrates
- Ritter Toggenburg
- Die Kraniche des Ibykus


Mit Balladen den Deutsch-Unterricht gestalten

Die Ballade im Deutsch-Unterricht der 7. Klasse ist eine literarische Wundertüte. Ihre Fähigkeit zu überraschen, gibt der Klasse immer wieder einen neuen Motivationsschub.

Balladen sind, das sieht jeder, zunächst einmal Gedichte. Sie bestehen aus Versen und Strophen sind meistens gereimt. Oft durchzieht die Ballade ein Konflikt, der in Rede und Gegenrede verhandelt wird; das kennen wir vom Drama. Der Kern der Ballade ist aber immer eine gute Geschichte, die uns neugierig macht und in den Bann zieht.

Balladen stehen einerseits für literarischen Genuss, andererseits sind sie ausgezeichnete Arbeitsmittel, um die Lernziele der Klasse zu erreichen.


Aufgaben an die 7. Klasse

Eine Inhaltsangabe schreiben
Das Wiedergeben von Inhalten im Deutsch-Unterricht ist prozessorientiert und funktional zu sehen. In der Inhaltsangabe sind Texte, die verstanden und besprochen werden sollen, neu zu formulieren. Das setzt sowohl eine kognitive als auch eine sprachliche Leistung voraus.

Balladen verstehen
Balladen-Dichter wollen ihr Publikum unterhalten. Das erreichen sie mit einer Geschichte, die neu für uns ist: Wir kennen Lehrlinge. Aber was genau macht ein Zauberlehrling?

Dichter haben außerdem eine Absicht. Sie senden mit der Ballade eine Botschaft. Wir fragen uns: Ist diese Botschaft 250 oder 100 Jahre nach dem Schreiben der Ballade noch relevant? Was können wir lernen? Müssen wir die Ballade neu interpretieren? Balladen laden die Klasse zu hitzigen Diskussionen ein. Wir könnten ja auch selbst dichten, z. B. alternative Schlüsse.

Balladen vortragen
Die Deutsch-Klasse wird aus ihrer Komfortzone herauskatapultiert. Alle sollen eine Ballade vortragen. Die Schülerinnen und Schüler werden zu Trobadoren. Vorher müssen sie konzentriert und diszipliniert durchaus lange Balladen-Texte auswendig lernen. Wenn das gelingt, und es gelingt eigentlich immer, ist das ein schönes Erfolgserlebnis. Treten die Trobadore als Ensemble auf, kommen Abstimmungsprozesse und gemeinsame Proben hinzu. Der Vortrag wird mit Applaus belohnt.

Die Kritik der Klasse und des Lehrers (Was war gut? Was war nicht so gut?) zeigt den Vortragenden, dass unsere literarische Kultur eine kritische Kultur ist, d.h. sie lebt vom beständigen Dialog zwischen Kulturschaffenden und dem Publikum.

Nicht zuletzt ist konstruktive Kritik Ansporn bei einem
Balladenwettbewerb der 7. Klassen, die eigene Klasse mit Glanz und Gloria zu repräsentieren.