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Bücher über Johann Wolfgang Goethe


Johann Wolfgang Goethe zieht uns in seinen Bann: der Dichter und der Mensch. Wer Goethe gut findet, möchte mehr über Goethe wissen. Der Dichter selbst legt uns seine Autobiographie "Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit" ans Herz. Goethe-Forschung und Goethe-Kritik liefern uns belastbare Details über 1775 hinaus. Die sind informativ, spannend, erhellend. Im Folgenden eine Reihe von Büchern, die einen hohen Lesegenuss bereiten. 

 

Meine Geschichte
der deutschen Literatur
,
Deutsche Verlags Anstalt, DVA,

Reich-Ranicki, Marcel
 

Es ist hinlänglich bekannt, das MRR ein großer Goethe-Fan war. Mich interessierte, wie Goethe in Reich-Ranickis Buch „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ wegkommt.

Der Beitrag über Goethe ist die Dankesrede anlässlich der Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt im Jahr 2002. Überraschenderweise ist die Rede keineswegs eine Lobeshymne auf Goethe. MRR schildert Lektüreerlebnisse seit frühester Jugend. Nicht jedes Goethe-Gedicht gefällt ihm, vor allem hat er eine Abneigung gegen Balladen.

„Ich nahm mir … den Schatzgräber vor und war enttäuscht … Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen / Frohe Feste / Sei dein künftig Zauberwort. Das, glaubte ich, sind primitive Schlagzeilen, sie kamen mir abstoßend vor. Das war in meinen Augen biedere und billige Poesie.“

„Ähnlich erging es mir mit dem Zauberlehrling. Ich hatte kein Verständnis für diese Ballade, zumal ich noch nicht wusste, dass es hier möglicherweise um Meisterschaft und Dilettantismus ging und dass sich hier vielleicht Goethes Abrechnung mit den Romantikern verbarg.“

„Nun, da ich die verschiedenen Deutungen kenne, finde ich diese Gedichte nicht besser. Was mich vor allem störte, was ich nicht ertragen konnte, das war deren Treuherzigkeit, deren aufdringlich Pädagogik. Doch meine entschiedene Abwendung von Goethes Poesie stand mir noch bevor. Es war aber mehr als eine Abwendung, es war schon ein wütender Protest. Ich las das Gedicht, dessen erste Strophe lautet:

Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Das, dachte ich mir, ist in ihrer Direktheit, klar gesagt, schlechte Poesie. Die Strophe beginnt mit einer simplen Ermahnung und knüpft daran eine gänzlich absurde Feststellung. Denn es ist doch wirklich barer Unsinn, dass Güte und Hilfsbereitschaft den Menschen von allen Wesen unterscheiden, die wir kennen. Hilfreich und gut kann zur Not auch ein Hund sein.“

„Aber während ich mich fragte, warum man sich in Deutschland über Goethe so ganz und gar unkritisch zu äußern pflegt, begann ich in einem Gedichtband zu blättern. Da fand ich das Gedicht, das mit den Worten beginnt: Ein Veilchen auf der Wiese stand, / Gebückt in sich und unbekannt. Diese Verse lösten bei mir keinen Widerstand aus, sie gefielen mir, aber ich wusste nicht, warum sie schön waren.“

MRR bekennt, dass ihn in Goethes Lyrik vor allem das erotische Gedicht fasziniert hätte. „Blumen sind in Goethes Versen nicht unbedingt reale Pflanzen, es sind vielmehr, jedenfalls sehr häufig, Zeichen und Symbole. Nun, Zeichen wofür? Sie beziehen sich stets auf Frauen und auf die Liebe.“

Sah ein Knab ein Röslein stehn / Röslein auf der Heiden. … Dieses Röslein, das so jung und morgenschön lockt, ist natürlich ein Mädchen. Nur geht es hier nicht um Liebe, sondern um bare Sexualität. Ein wilder Knabe will das Röslein brechen, das sich wehrt, das sich dem Zugriff entziehen will. Aber es half ihr doch kein Weh und Ach. / Mußt es eben leiden.

„In dem berühmten Ich ging im Walde / So für mich hin wird ein Blümchen mit allen den Würzlein ausgegraben und zu Hause wieder eingepflanzt: Nun zweigt es immer / und blüht sofort. Gemeint ist, versteht sich, wieder eine Frau, diesmal Christiane Vulpius, die Goethe wie jenes im Wald gefundene Blümchen in sein Haus genommen und Jahre später geheiratet hat.“

Beim Veilchen-Gedicht übrigens irrt MRR. Hier steht die Blume nicht für ein Mädchen, sondern wohl eher für einen Jüngling. Das Veilchen denkt: Wär ich nur die schönste Blume der Natur … um die Aufmerksamkeit der Schäferin zu gewinnen. Doch die Schäferin, die mit leichtem Schritt und munterm Sinn daherkommt, nimmt das Veilchen nicht in Acht , schon gar nicht an den Busen und zertritt es. Merke: Auch Jünglinge müssen leiden.

 

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Monsieur Göthé -
Goethes unbekannter Großvater,
Die Andere Bibliothek,
Boehncke, Heiner;
Sarkowicz, Hans;
Seng, Joachim

 

Wer die Goethe-Biographien Richard Friedenthals und Rüdiger Safranskis kennt, wird sich anfangs wahrscheinlich ein bisschen schwer tun mit „Monsieur Goethé“. Das Buch, so scheint es, ist mehr Sozialgeschichte der Schneiderzunft und eine Bestandsaufnahme der Mode nach dem Dreißigjährigen Krieg als ein Beitrag zur Literaturgeschichte, der Licht in das Leben des Goethe-Großvaters väterlicherseits bringen könnte. Doch plötzlich weitet sich der Horizont.

Friedrich Georg Göthe wird 1657 als Sohn eines Hufschmieds im thüringischen Kannawurf, ca. 50 nördlich von Erfurt, geboren, und erlernt das Schneiderhandwerk. Seine Walz führt ihn bis in die Seidenstadt Lyon, wo er seine Fähigkeiten als Damenschneider à la mode viele Jahre lang verfeinert und seinen Namen mit Accent Aigu auf dem „e“ schreibt. 

Zurück in Deutschland, ausgestattet mit Frankfurter Bürgerrecht ab 1687, erarbeitet sich Göthé mit handwerklichem und kaufmännischem Geschick ein kleines Vermögen. Durch seine zweite Heirat mit Cornelia Schellhorn wird er 1705 Inhaber des Weidenhofs auf der Zeil, eines der vornehmsten Gasthäuser Frankfurts. Zusätzlich handelt er mit Wein. Und legt so den Grundstock des Familienvermögens, welches seinem Sohn Johann Caspar Goethe das Leben eines Privatiers erlaubt und auch seinem Enkel, dem späteren Dichter und Geheimrat, die finanzielle Unabhängigkeit verschafft, um in Weimar nicht über jedes Stöckchen springen zu müssen. 

Dass der Dichter Goethe den Schneidermeister und Gasthalter in „Dichtung und Wahrheit“ namentlich nicht erwähnt, fast verleugnet, sich umso fester an der Familie seiner Mutter Catharina Elisabeth, einer geborenen Textor, orientiert, führen Boehncke et al. auf den Einfluss seines Vater Johann Caspar Goethe, den Sohn des Schneidermeisters Goethé, zurück. Doctor jur. und Kaiserlicher Rat Johann Caspar sieht sich als Mitglied des Frankfurter Patriziats. Der „Familienroman“ verlangt, dass man als Patrizier keineswegs von Handwerkern oder Gastronomen abstammen darf, die in der ständischen Stadthierarchie weiter unten angesiedelt sind. 

Mit dem anderen Großvater, dem Juristen Johann Wolfgang Textor, seit 1747 bis zu seinem Tod 1771 Schultheiß der Stadt Frankfurt, lässt sich offenbar mehr Staat machen. Dessen lebendige Darstellung in „Dichtung und Wahrheit“ macht Großvater Textor zum einzigen legitimen Stammvater. Dennoch wird Goethe von seinem Großvater Göthé, der 1730 verstirbt, und den er nicht kennenlernen konnte, ähnlich stark geprägt. Göthés Überzeugung, das Lernen und Bildung der Schlüssel zu gesellschaftlichem Erfolg sind, kommt zunächst seinem Sohn Johann Caspar zugute und dann dem Enkel Johann Wolfgang, der als Minister in Weimar einen hervorragenden Job macht und einen noch besseren als kultureller Fixstern.

In Weimar wird die erträumte Zugehörigkeit zum Frankfurter Stadtadel, zum Patriziat, zur Überlebensstrategie im täglichen Kontakt mit dem höfischen Adel. Dennoch ist es notwendig, aus Johann Wolfgang Goethe einen „von Goethe“ zu machen. 1782 erhält der Weimarer Geheimrat ein Adelsdiplom aus Wien, unterzeichnet von Kaiser Joseph ll., damit der nobilitierte Goethe bei diplomatischen Missionen nicht am Katzentisch sitzen muss.

Wollen wir jetzt über Johann Wolfgang Goethe den Stab brechen, weil er uns nicht die ganze Wahrheit erzählt? Müssen wir ihm grollen? Warum? Das ist für ihn nichts Neues. Das Umschreiben der eigenen Biographie durch Weglassen hat bei Goethe Methode. Wichtigste Maßnahme ist das Verbrennen von Briefen. So ist zum Beispiel nicht mehr erkenntlich, wie stark Goethe von Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Heinrich Merck bei der Gedichtsammlung „Sesenheimer Lieder“ bzw. dem Drama „Götz von Berlichingen“ beeinflusst wurde. Die Bedeutung der beiden für Goethes frühe Werke ist nicht zu unterschätzen. Auch die Briefe der Schwester Cornelia Goethe gehen in Flammen auf.

Ironie dieses Verhaltens: Generationen von Goethe-Forschern arbeiten daran, diese Wissenslücken nach und nach zu füllen. Die Spurensuche von Boehncke et al. in „Monsieur Göthé“ würde wahrscheinlich selbst Goethe gefallen, so bunt und informativ ist „Monsieur Göthé“ geraten, ein außergewöhnliches Buch für alle, die mehr über die Familie Goethe und nebenbei mehr über die Konstitution des alten Frankfurt am Main erfahren wollen, aber selbst keine Zeit haben, jahrelang in deutschen und französischen Bibliotheken und Archiven zu recherchieren.

Eine Pointe wartet (natürlich) am Schluss: Johann Wolfgang Goethe als Modeschöpfer. Die Werther-Tracht (blauer Frack mit Messingknöpfen, Kniehosen aus gelbem Leder, gelbe Weste, braune Stulpenstiefel, runder grauer Filzhut) wird bei seinen zeitgenössischen Lesern über Jahre zu einem Must-have. Wäre diese Kreation in einer Familie ohne Modebewusstsein möglich gewesen? Johann Caspar Goethe hatte die Tugend, gut gekleidet zu sein von seinem Vater Goethé übernommen und sie an seinen Sohn, den Dichter und Enkel des Schneidermeisters weitergegeben, der seine Kleidung in jungen Jahren dreimal täglich zu wechseln pflegt.

Übrigens: In der Ausstattung des Buches durch das BUREAU SANDRA DOELLER, Frankfurt am Main, mit zwei Rot-Tönen als Schmuckfarben ist das Lesevergnügen noch größer. Den Lesern wird sehr subtil demonstriert, dass Blut doch dicker ist als Wasser.  

 

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Cornelia Goethe,
Insel Verlag,
Damm, Sigrid

 

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Goethe
Kunstwerk des Lebens,

Carl Hanser Verlag,
Safranski, Rüdiger

 

Wer Goethes Gedichte liest, erkennt, dass der Dichter ein Mensch aus Fleisch und Blut ist und sich genau wie wir immer wieder im typischen Wechselbad der Gefühle befindet: mal himmelhochjauchzend, mal zum Tode betrübt.

Da der Dichter und Denker Goethe als Vorbild in vielerlei Hinsicht taugt, wird er aber schon seit mehr als 200 Jahren immer wieder auf einen überlebensgroßen Sockel gehoben, damit wir ihn bewundern können. Diese Heldenverehrung Goethes als Lichtgestalt der deutschen Literatur – insbesondere zu Goethe-Gedenktagen - machte immer weniger Spaß.

Safranski holt Goethe mit seiner meisterhaft geschriebenen Biographie vom Sockel und formuliert eine überraschende These: Goethes größtes Kunstwerk ist nicht Faust etc., sondern Goethes Leben!

Selbst diejenigen, die Goethes Werk nicht viel abgewinnen können, werden hier hellhörig. Das scheint spannend zu sein: Indem wir Goethe auf seinem Lebensweg folgen, beantworten wir für uns die Frage, wie wir selbst ein erfülltes und sinnvolles Leben führen können. Goethe hat es vorgemacht.

Safranski setzt das Denkmal Goethe in Bewegung, macht ihn mit in den Text eingefügten Zitaten zur zweiten Erzählerstimme des Buches. Auf diese Weise kommen wir Goethe näher und näher, sehen ihn als Menschen, als Dichter, als Geheimen Rat, aber auch als einen Spielball der Geschichte.   

In seinem über 80-jährigen Leben ist Goethe Zeuge großer gesellschaftlicher Umwälzungen. Französische Revolution, Napoleonische Kriege, Naturwissenschaft und Industrie brechen in die feudalen Strukturen des 18. Jahrhunderts ein, in denen es sich Goethe recht behaglich eingerichtet hatte. Goethe erlebt den gesellschaftlichen Wandel am eigenen Leib, zum Beispiel als die französische Soldateska 1806 das Haus am Frauenplan stürmt, um ein wenig zu plündern.  

Der Klassiker Goethe ist bei Safranski kein Weiser im Elfenbeinturm, sondern ein Mensch, der eine Zeitenwende zu bestehen hat. Goethe reagiert auf unruhige Zeiten mit Kunst als Mittel kreativer Aneignung. Goethe sagt: „Ich habe mich gewöhnt, bei meinen Handlungen meinem Herzen zu folgen und weder an Missbilligungen noch an Folgen zu denken“.

Das sieht man exemplarisch an Goethes Italienischer Reise. Von vielen Goethe-Interpreten nur als Bildungsreise verherrlicht, ist sie genau betrachtet eine Flucht vom grauen Alltag in der Verwaltung des Herzogtums Sachsen-Weimar. Das Problem: Goethe hatte sich vorher nicht die Erlaubnis seines Arbeitgebers Herzog Carl-August eingeholt. Die Reise ist mehr oder weniger eine Kurzschlusshandlung, vielleicht sogar eine Fahnenflucht. In Rom angekommen, schreibt Goethe demütig, aber auch selbstbewusst nach Weimar. Carl-August versteht Goethe und gewährt seinem besten Mann bezahlten Urlaub.  

An einem Punkt wie diesem teilen sich traditionell die Geister. Alle, die dem Personenkult huldigen, würden Goethe jetzt gerne als Erfinder des Sabbaticals sehen. Schon kommt der Sockel angerollt. Anders Safranski: Der erkennt in Goethes Italienischer Reise einen Befreiungsschlag, mit dem dieser versucht, sein Leben wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Safranskis Goethe ist kein Schulmeister der Deutschen, kein Zitatelieferant für Geburtstage, sondern ein suchender, lernender, allerdings auch ein sehr begabter, sensibler Mensch.

Safranskis Goethe ermöglicht uns eine ganze neue Sicht auf das Leben des Dichters, aber damit auch auf das unsere. Da ist einer, der macht, was er machen muss, damit es ihm gut geht.

Goethe spricht wieder zu uns, mit lebendiger Stimme. Danke für dieses Buch. 

 

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Goethe -
Sein Leben und seine Zeit,
Piper.
Friedenthal, Richard

 

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Das Inkognito
Goethes ganz andere Existenz in Rom,
Verlag C.H.Beck,
Zapperi, Roberto

 

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Die Leiden des jungen Werther,
Reclam, Stuttgart,
Goethe, Johann Wolfgang

Die Leiden des jungen Werther: ein Buch über Goethe?

Ja, unbedingt, denn der Werther-Roman ist zwar Fiktion, aber auch Selbstaussprache und teilweise ein Schlüsselroman. Die Handlung ist insofern autobiografisch, da Goethe seine Beziehung zur bereits verlobten Charlotte „Lotte“ Buff während seines Praktikums am Reichskammergericht in Wetzlar (Mai bis September 1772) literarisch verarbeitet. Werther ist nicht Goethe, aber immerwiederkehrende melancholisch-depressive Schübe sind auch dem Dichter eigen. 

Die Idee für die Selbsttötung Werthers liefert Goethe der Suizid seines Freundes Karl Wilhelm Jerusalem, Gesandtschaftssekretär in braunschweigischen Diensten. Dieser hatte sich unglücklich in Elisabeth Herdt, die Gattin eines kurpfälzischen Legationssekretärs, verliebt. Die literarische Figur der Lotte trägt auch die Züge der schwarzäugigen Maximiliane von La Roche, Tochter der Schriftstellerin Sophie von La Roche, die Goethe auf seinen Wanderungen von Wetzlar nach Frankfurt in Ehrenbreitenstein (Koblenz) -, besucht. Maximiliane heiratet Anfang Januar 1774 den Frankfurter Kaufmann Peter Anton Brentano. Das hält Goethe nicht davon ab, der jungen Ehefrau intensiv, aber erfolglos, den Hof zu machen.

Der Roman beweist, das Bücher den Nerv ihrer Zeit treffen müssen, damit die Flamme ihres Ruhmes auch nach hunderten von Jahren nicht erlischt. Goethes Roman, so schreibt Ernst Beutler in seinem Nachwort, erscheint „in einer Epoche, in der die Menschen lernten, sich als Persönlichkeiten, als Einzelne zu empfinden. Der Künstler löste sich aus den Zünften, der Bürger aus dem rechtlosen Gehorsam gegenüber einem absoluten Monarchen, der Christ aus dem Glaubensanspruch einer in Dogmen erstarrten Kirche. Und das befreite Individuum erlebte seine Erfüllung im Gefühl.“

„Und deshalb war es eine Zeit der Dichter. Goethe hat für sie alle gesprochen. Was er schildert, hatte er erlebt, nicht in allem, vor allem nicht bis zum tragischen Ausgang, aber doch bis hart an die Pforte des Todes. Noch 1814, im Dreizehnten Buch von Dichtung und Wahrheit, schreibt er von dieser Zeit: Unter einer ansehnlichen Waffensammlung besaß auch ich einen kostbaren wohlgeschliffenen Dolch. Diesen legte ich mir jederzeit neben das Bette, und ehe ich das Licht auslöschte, versuchte ich, ob es mir wohl gelingen möchte, die scharfe Spitze ein paar Zoll tief in die Brust zu senken.

„Und zehn Jahre später sagt Goethe zu Eckermann über den Roman: Es waren individuelle, naheliegende Verhältnisse, die mir auf den Nägeln brannten und mir zu schaffen machten und die mich in jenen Gemütszustand brachten, aus dem der Werther hervorging. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! Das war es.

Mit Werthers Geschichte wurde Goethe 1774 praktisch über Nacht in Deutschland bekannt. Goethe schreibt den Briefroman innerhalb von sechs Wochen. Die Erstausgabe erscheint im September 1774 zur Leipziger Buchmesse und wird gleich zum Bestseller, beschert Goethe aber keineswegs einen warmen Geldregen, weil die meisten abgesetzten Bücher Raubdrucke waren.


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Meine Geschichte
der deutschen Literatur,

Deutsche Verlags Anstalt, DVA,
Reich-Ranicki, Marcel


Noch einmal MRR, und zwar über Faust.

„Und neben der Lyrik war es ein erotisches Drama, das mich ergriffen und aufgewühlt hat, wie kaum ein anderes Werk der Weltliteratur. Ich spreche von der Gretchen-Tragödie, der erfolgreichsten deutschen Liebesgeschichte.“

Gretchen-Tragödie? Heißt das Stück nicht Faust? Richtig, die Tragödie beginnt mit Faust.

„Faust, der erkennen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, scheitert und resigniert – als Gelehrter, als Wissenschaftler … Zum Augenblicke will er sagen können: Verweile doch, du bist so schön! Wie er sich das vorstellt, erklärt er … dem Mephisto: Mir ekelt vor allem Wissen. / Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit / Uns glühende Leidenschaften stillen.

„Natürlich begreift Mephisto, was man tun muss, damit Faust die Tiefen der Sinnlichkeit genießen kann. Er bringt ihn in die Hexenküche, lässt ihn verjüngen und serviert ihm einen Zaubertrank. Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / Bald Helenen in jedem Weibe. Das nächste weibliche Wesen auf seinem Weg ist Gretchen vor dem Dom.“

„Sein sofortiges Interesse für Gretchen hat nichts mit Liebe zu tun. Es handelt sich vielmehr um rein sexuelles Verlangen … Die wenigen Augenblicke reichen aus – er will sie unverzüglich im Bett haben: Du mußt mir die Dirne schaffen! befiehlt er Mephisto. Und: Wenn nicht das süße Blut / Heut’ Nacht in meinen Armen ruht: / So sind wir um Mitternacht geschieden.

„Doch kaum hat Faust mit ihr geschlafen, schon will er, da das sexuelle Bedürfnis offenbar befriedigt wurde, von ihr nichts mehr wissen. Gretchen war nur Fausts einstweiliger Bettschatz – nicht mehr.“

„Wer will, kann ihm die Droge zugutehalten, der er von Mephisto in der Hexenküche bekommen hat. Dass er Gretchens tiefstes Elend verschuldet und schließlich ihr Leben zerstört, dafür kann man nicht mehr den aphrodisischen Trank verantwortlich machen. Aber was er ihr angetan hat, ist ihm offenbar gleichgültig. Als er hört, was mit Gretchen geschehen ist [die Verurteilung zum Tode], klagt er an. Wen? Nicht etwas sich selber, sondern Mephisto, der ihn kühl fragt und sehr zu Recht: Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder Du?

„Im Kerker findet Faust große und schöne Worte für das Unglück, doch nicht etwa für das Unglück der verzweifelten, der verwirrten, der in Ketten liegenden Frau … Mich faßt ein längst entwohnter Schauer, / Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.

„Wir wissen es längst: Goethes Helden … sind so gut wie immer gebrochene Individuen, schwache, scheiternde Menschen … von hemmungsloser Egozentrik und brutalem Egoismus kann man sie nicht freisprechen. Doch keiner scheint eine so extreme Figur zu sein wie Faust: Die Rücksichtslosigkeit mit der er Gretchen an sich reißt und verführt, ist grausam und schließlich unmenschlich.“

„Und doch wird im Faust eine unvergessliche Geschichte erzählt, die poetische Geschichte einer Liebe. Aber es ist ausschließlich jene der Liebe Gretchens zum Faust. Ja, so ist es, auch wenn es Gretchen noch nicht weiß: Sie liebt ohne Gegenliebe.“

Das ist Gretchens Tragödie!

„Woher rührt denn der unvergleichliche Zauber diese Mädchens? Über vierzehn Jahre ist sie alt, gerade noch ein Kind und schon eine Frau. Sie ist auf rührende Weise naiv und zugleich erstaunlich gescheit.“

Sie ist die Urheberin der Gretchenfrage ...

Wie hast du’s mit der Religion? fragt sie. Und: Glaubst Du an Gott?

"Faust antwortet ausführlich und zugegeben, effektvoll, doch letzlich nur ausweichend. Seine feierliche Rede lässt sie kalt, sie durchschaut seine Phraseologie sofort: Er wiederhole nur – bemerkt Gretchen nicht ohne Ironie -, was sie auch vom Pfarrer gehört habe.“

„Dem Mann, der Gretchen bloß im Bett haben wollte, und dies so schnell wie möglich, ihm verdankt sie eine Erfahrung, die ihr Leben verändert: die Liebe. Der poetische Höhepunkt des ersten Teils der Faust-Tragödie sind die Verse, die Gretchen am Spinnrad spricht … Meine Ruh’ ist hin, / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / Und nimmermehr.“

„Der Monolog zeigt in dichterischer, in äußerster Verknappung, was Liebe zur Folge hat. Das sie überwältigende Erlebnis bringt das Mädchen wie jeden, dem das Glück zuteil wird, in eine Abhängigkeit, die sie bisher nicht kannte: Wo ich ihn nicht hab’ / Ist mir das Grab, / Die ganze Welt / Ist mir vergällt.“

„Zur Abhängigkeit und zur Verwirrung kommt noch ein dritter, ein für Gretchen unbegreiflicher Umstand, etwas, was sie als beängstigend, als unheimlich empfindet: der Sexualinstinkt. Sie kann es niemanden sagen, sie kann es sich nur selbst gestehen: Mein Busen drängt / Sich zu ihm hin. / Ach dürft ich fassen / Und halten ihn. Lassen diese Dinge auf Sexuelles schließen? Nein, zunächst nicht unbedingt.“

„Doch in der früheren Fassung des Faust, im sogenannten Urfaust, lautete der Vers anders. Da sprach Gretchen nicht von ihrem Busen, da war es ihr Schoß, der sich nach dem Mann, den sie liebt, hindrängt. Das ist für Gretchen eine Entdeckung, beklemmend und erschreckend in einem … Man kann sich denken, warum Goethe das Wort Schoß wieder gestrichen hat: Es war ihm nichts anderes als ein Zugeständnis an die gesellschaftliche Konvention seiner Epoche.“

„Gretchen hat ihre Mutter umgebracht, sie hat ihr Kind ertränkt, sie hat zum Tod des Bruders beigetragen. Sie ist schuldig geworden, sie ist unschuldig geblieben … Das Wort, auf das die ganze Faust-Dichtung hinausläuft, das Wort vom Ewig-Weiblichen, das uns hinanzieht – ihr gilt es, ihr, die Gnade walten lässt und ihm [Faust] verzeiht, dem Geliebten ... Nichts anderes ist mit dem Ewig-Weiblichen gemeint als die Liebe, die schenkende, die beglückende, die verzeihende.“

„Letzlich ist die Liebe in Goethes Dichtung … ein Spiel, aber ein leidenschaftliches und erhabenes, ein den Menschen bezauberndes Spiel – ein Spiel wie die Literatur. Und die Literatur ist für Goethe eine zarte und gewaltige Passion – wie die Liebe.“

 

Rezitator Lüdecke buchen